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Länderschwerpunkt

Polen im Puls: Eine Nation im Herzen Europas

»Uns nennt man im Westen den Osten und im Osten den Westen.« Das, was der polnische Lyriker Stanislaw Jerzy Lec hier formuliert hat, umschreibt sehr treffend den jahrhundertelangen Identitätskampf der Polen. Immer wieder zerrieben zwischen den politischen Mühlsteinen der Nachbarländer, lässt sich Polen nicht leicht einordnen: Geographisch in der Mitte Europas gelegen, ist Polen zivilisatorisch und kulturell nach Westen orientiert und historisch und politisch im Verlauf seiner Geschichte stark vom Osten geprägt.

Doch wie wirkte sich diese wechselvolle und tragische Historie – 123 Jahre verschwand Polen sogar ganz von der politischen Landkarte – auf die Kulturgeschichte aus?

Unter der Herrschaft von König Wladyslaw Jagiello (1386-1434) entwickelte sich Polen aufgrund seiner diplomatischen und militärischen Erfolge zu einer Monarchie von internationaler Bedeutung, was sich auch im Musikleben widerspiegelte. Erstmals wurden musikalische Kontakte mit dem Ausland geknüpft und an der Krakauer Universität blühte ein üppiges Musikleben.

Im 16. Jahrhundert, dem Zeitalter des Humanismus, der Renaissance und der Reformation, entwickelte sich ein reger Austausch mit Westeuropa. Ausländische Musiker hielten sich in Polen auf, genauso wie polnische Musiker verstärkt westwärts zogen. Am königlichen Hofe wurden hervorragende Hofkapellen gebildet, gesamtgesellschaftlich hatte die Musik aber eine eher geringe Bedeutung. Diese Situation änderte sich radikal, als gegen Ende des 16. Jahrhunderts berühmte Musiker und Komponisten aus Italien einwanderten. Im Barock kam es dann zu einer Blütezeit in allen Künsten, obwohl das Land als einer der führenden europäischen Staaten ins Getriebe der politischen Auseinandersetzungen seiner Nachbarn geriet und folglich einen rasanten politischen Niedergang erlitt. Die polnische Barockmusik, die von Komponisten wie Marcin Mielczewski, Stanislaw Sylwester Szarzynski und Adam Jarzebski maßgeblich geprägt wurde, erlangte dennoch europaweit Bedeutung.

Im 17. Jahrhundert waren Warschau und Krakau die wichtigsten Städte des polnischen Musiklebens. Der Königshof in Warschau gehörte zu den interessanten Musikzentren Europas und war das ganze 18. Jahrhundert hindurch für den Rest des Landes ein Ort der Musikavantgarde. Nach und nach wurden auch an kleineren Adelshöfen Kapellen gegründet, so dass im 18. Jahrhundert 150 Kapellen und etwa 70 polnische Komponisten aktiv waren. Der polnische König Stanislaw August Poniatowski führte zu Beginn seiner Regierungszeit (1764-1795) einen neuen Typus des königlichen Mäzenatentums ein. Er nahm sich die Forderung der polnischen Aufklärer zu Herzen, die verlangten, dass die Kunst dem Volk dienen müsse und dehnte die Kulturpolitik auf breitere Kreise der Gesellschaft aus. Die königlichen Ensembles dienten vermehrt pro publico bono und wurden dem Warschauer Theater zur Verfügung gestellt. 1765 kam es zum ersten öffentlichen Konzert in Warschau. Davon beeinflusst stieg im ausgehenden 18. Jahrhundert das sinfonische Schaffen massiv an und eine wahre Flut von Polonaisen und meist anonymen Liedern mit sentimentaler Liebes- und patriotischer Lyrik wurde komponiert. In diesem Zusammenhang entstand auch die polnische Nationalhymne »Jeszcze Polska nie zginela« (»Noch ist Polen nicht verloren»), die Józef Wybicki zu einer volkstümlichen Melodie dichtete.

Mit Beginn des 19. Jahrhunderts entwickelte sich ein reges Konzertleben. E.T.A. Hoffmann hielt sich seit 1803 in Warschau auf, gründete hier die Musikalische Gesellschaft und veranlasste die ersten Aufführungen Beethovenscher Sinfonien in Warschau. Erste Chorensembles, Instrumentenfabriken und Notenverlage entstanden. In diese Zeit fiel auch das Wirken von Fryderyk (französisch: Frédéric) Chopin (1810-1849), der der polnischen Musik zu weltweiter Bedeutung verhalf. Chopins Werk speist sich aus zwei Quellen: seinem polnischem Erbe und der romantischen Klaviermusik. Er gehörte zu den ersten Vertretern der nationalen Stile in Europa und reicherte selbst den Walzer mit polnischen Elementen an. In seinen Werken entwickelte er einen neuartigen, virtuosen wie lyrischen Klavierstil. Ab 1831 lebte Chopin in Paris, fühlte sich aber zeitlebens seiner polnischen Heimat aufs Engste verbunden. Ignacy Paderewski (1860-1941) und Theodor Leschetizky (1830-1915) waren im Gegensatz zu Chopin vorrangig als Pianisten bekannt. Durch das Vorspielen ihrer eigenen Werke erlangten sie Berühmtheit. Paderewski repräsentierte sein Heimatland zugleich auch politisch: Als Verfechter der polnischen Nationalidee trat er im Ersten Weltkrieg hervor und war 1919 Ministerpräsident und Außenminister des neu errichteten polnischen Staates. Diese Klaviervirtuosen, nicht an der Komposition von Opern interessiert, überließen das Feld Stanislaw Moniuszko (1819-1872), der mit »Halka« die polnische Nationaloper begründete. »Halka« hat in Polen einen vergleichbaren Stellenwert wie hierzulande Carl Maria von Webers »Freischütz«. Moniuszko verarbeitete in seinem Werk einerseits polnisches Volksgut und bezog sich andererseits deutlich auf die politischen Umstände seines Landes. 1858 wurde die Oper in Warschau uraufgeführt und unternahm von dort aus einen Siegeszug durch alle großen polnischen Städte. Ebenfalls von spezifisch polnischen Erfahrungen geprägt, aber dem Stil der Moderne verpflichtet, sind die Werke des Komponisten Karol Szymanowski (1882-1937). Er war Mitbegründer der Gruppe »Mloda Polska« (»Junges Polen«), die sich für zeitgenössische polnische Musik einsetzte. Der Komponist Witold Lutoslawski (1913-1994) entwickelte einen Stil, der als »neue polnische Expressivität« bezeichnet wurde, und zählt zu den großen Figuren der Musik des 20. Jahrhunderts.

War Polen vor 1939 ein multiethnisches Land, wurde es nach dem Zweiten Weltkrieg trotz seiner westlichen Traditionen politisch und geistig ganz dem Einfluss des kommunistischen Ostens unterworfen. Die Ablehnung des sowjetischen Gesellschaftsmodells durchdrang aber nach und nach alle Gesellschaftsschichten. 1980 entstand die erste unabhängige Gewerkschaft in einem kommunistischen Land. Der Komponist Krzysztof Penderecki (geboren 1933) schuf in dieser politisch unruhigen Zeit sein »Polnisches Requiem«, das eng mit den Aufständen verbunden ist. Das Werk stellt ein komprimiertes Abbild der polnischen Geschichte mit ihren Niederlagen und Siegen dar.

Das Schaffen der jüngsten Generation von polnischen Komponisten wie Chaya Czernowin, Wojciech Ziemowit Zych und Aleksandra Gryka speist sich aus verschiedensten Ausdrucksmitteln, die von traditionellen Strömungen über Klangfarbenkompositionen bis hin zur elektronischen Musik reichen. Seit dem Zusammenbruch des Ostblocks ist die Musikszene Polens von vielfältigen internationalen Strömungen beeinflusst – sie pulsiert, experimentiert und laboriert. Zum einen ihrer spezifischen Geschichte verpflichtet, richtet sie ebenso den Blick neugierig auf Europa und die Zukunft.

Der Länderschwerpunkt Polen wird gefördert durch:

Ministerium für Kultur und Nationales Erbe der Republik Polen
Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit
Chopin-Jahr
Adam-Mickiewicz-Institut
Generalkonsulat der Republik Polen in Hamburg







  
 
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