»Komponieren verbindet alles – Gedanken, Räume, Zeit und Leben!«

Lisa Streich ist Hindemith-Preisträgerin 2024. Im Interview erzählt die 37-jährige schwedische Komponistin vom surrealen Licht Gotlands, von der Auflösung von Raum und Zeit im Konzert und warum das Komponieren ihr Ausweg aus einer Misere war. 
 

Liebe Lisa Streich, Sie leben auf Gotland. Inwiefern ist die schwedische Insel für Sie Inspirationsquelle? 

Gotlands Licht ist ganz besonders und ganz anders als im Rest der Welt. Es ist sehr schwer zu beschreiben, aber es wirkt bisweilen surreal. Gotland bedeutet für mich außerdem eine gewisse Geschütztheit vor all den Informationen, die auf mich und uns täglich einprasseln. Das Internet funktioniert manchmal nicht, der Strom fällt aus, es gibt keinen Empfang. So ist Gotland für mich ein kleiner geschützter Raum mit viel Weite.

Was inspiriert Sie sonst noch?  

Mein Leben und unser Leben mit all seinen Profanitäten und Wundern, Grausamkeiten und Schönheiten.

Wie sind Sie zum Komponieren gekommen? 

Ich habe Musik immer sehr geliebt, aber ich habe es nie gemocht, auf der Bühne zu sein. Da war das Komponieren ein guter Ausweg aus der Misere.

Was kann Musik, was kann das Komponieren, Ihrer Meinung nach, bewirken? 

In der Dreiecksbeziehung zwischen Musik, Ensemble und Publikum, so erscheint es mir, können wir manchmal die Komplexität des Lebens für einen Augenblick erfassen. Wir begeben uns hinein in einen Konzertsaal oder vielleicht auch einfach in einen abgegrenzten Vorstellungsraum, und steigen kurz aus unserem alltäglichen Leben aus. Das Tempo kann dann in die Extreme abschweifen und die Zeit sich auflösen.

Sollen denn alle Teilnehmenden eines Konzerts, ob auf oder vor der Bühne, gleichzeitig dasselbe empfinden? 

Nein, unsere Erfahrungen beim Hören sind multipel. Auch wenn die Musik dieselbe ist, so bringt jeder Mensch andere Erfahrungen mit und hat somit auch andere Assoziationen. Aber alle diese individuellen Erfahrungen koexistieren während eines Konzerts an einem Ort, und zwar, ohne dass wir gezwungenermaßen miteinander reden. Es werden Verbindungen hergestellt von Gedanken, Räumen, Zeit und Leben. Deshalb ist Komponieren für mich die Kunst des Verbindens.

Ihre Werke tragen Namen wie SAFRAN, AUGENLIDER, FALTER, SEGEL oder FLÜGEL. Sollen die Titel schon eine  Assoziationsrichtung vorgeben? 

Sie wollen einen ersten Assoziationsraum öffnen. Dieser Raum darf aber nicht geschlossen sein, sondern das Werk in gewisser Weise erweitern. Also es sollte nicht nur drin sein, was draufsteht. 

Inwiefern sind Ihre Werke für die Interpreten besonders anspruchsvoll? 

Zum einen komponiere ich mikrotonal (Anm. der Redaktion: mikrotonal = Musik, deren wesentliches Merkmal in der Verwendung von Tonstufen besteht, die kleiner als der temperierte Halbton sind), zum anderen gibt es beispielsweise sehr genaue Anweisungen für die Bogenführung und Bogengeschwindigkeit. Bei größeren Formationen ist mir auch der choreographische Aspekt der Klänge wichtig: Wann erklingt was wo im Orchester? Wie wandert es? Macht es etwas mit der Musik, wenn ein Spieler alleine spielt in einer Menge von 90 Musikerinnen und Musikern? Macht es etwas mit der Musik, ob er oder sie vorne oder hinten sitzt? Geschützt oder exponiert? 

Sie sind Hindemith-Preisträgerin 2024. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung? 

Den Hindemith-Preis zu erhalten, ist eine wunderbare Ehre und Freude, auch weil er mir in Schleswig-Holstein verliehen wird – eine meiner Heimaten. Ich habe als Jugendliche viele Konzerte und Meisterklassen beim Schleswig-Holstein Musik Festival besucht. Vor der Preisverleihung, so habe ich mir vorgenommen, werde ich im Stocksee baden.

Sie haben drei Kinder. Ist es Ihnen wichtig, ihnen Ihr musikalisches Verständnis mitzugeben? Musikalische Horizonte schon früh zu öffnen? 

Mir ist es wichtig, dass sie etwas finden, das sie ihr ganzes Leben lang lieben können. Dafür ist es sicherlich wichtig, viele Horizonte zu öffnen. Diese müssen aber nicht zwingend in der Musik liegen. Wobei es zugegebenermaßen schwer ist, sich vorzustellen, dass etwas anderes als Musik ähnlich wunderbar sein könnte. 

 

 

Zum Hindemith-Preis: 


Der mit 20.000 Euro dotierte Hindemith-Preis zeichnet im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festival herausragende zeitgenössische Komponistinnen und Komponisten aus. Paul Hindemith setzte sich für den musikalischen Nachwuchs ein und war insbesondere bekannt für sein musikpädagogisches Wirken. In seinem Sinne fördert der Hindemith-Preis herausragende junge, zeitgenössische Komponistinnen und Komponisten. Seit 1990 wird der Preis im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festival (SHMF) verliehen. Gestiftet wird er von der Hindemith-Stiftung (Blonay/Schweiz), der Rudolf und Erika Koch-Stiftung, der Walther und Käthe Busche-Stiftung und Gerhard Trede-Stiftung, der Freien und Hansestadt Hamburg und dem Land Schleswig-Holstein. Zu den Preisträgerinnen und Preisträgern der letzten Jahre zählen Matthias Pintscher (2000), Thomas Adès (2001), Jörg Widmann (2002), Lera Auerbach (2005), Anna Clyne (2016), Samy Moussa (2017), SJ Hanke (2020), Mithatcan Öcal (2021), Hannah Kendall (2022) und Alex Paxton (2023).

Die Jury besteht aus Verena Andel (Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Schleswig-Holstein), Dr. Astrid Bernicke (Behörde für Kultur und Medien Hamburg), Prof. Dr. Oliver Korte (Musikhochschule Lübeck), Dr. Christian Kuhnt (SHMF), Frank Siebert (SHMF), Prof. Dr. Jan Philipp Sprick (Gerhard Trede Stiftung und HfMT Hamburg) und Prof. Tabea Zimmermann (Fondation Hindemith).

Der Termin des Preisträgerkonzerts wird am 22. Februar 2024 bekanntgegeben. Ab dann sind Tickets bestellbar.