»Ich suche nach Klarheit, um mit Unklarheiten kompositorisch arbeiten zu können«
Die in Berlin lebende Komponistin Birke Bertelsmeier erhält den mit 20.000 Euro dotierten Hindemith-Preis, der im Rahmen des Schleswig-Holstein Musik Festival herausragende zeitgenössische Komponistinnen und Komponisten auszeichnet. Im Interview erzählt sie von ihrem Weg zur Musik, vom Reiz des Nicht-Perfekten und warum eines ihrer Werke »Giromaniaco« heißt.
Liebe Birke, wie bist du zum Komponieren gekommen?
Ich habe früh mit Klavier angefangen – und fand es seltsam, dass man ein Stück »genau so« spielen sollte, wie es in den Noten vorgegeben ist oder wie Lehrer meinten, dass es zu spielen sei. So fing ich mit dem Komponieren an. In Düsseldorf besuchte ich die Kompositionsklasse von David Graham an der Clara-Schumann-Musikschule. Das Tolle war: Wir konnten alles kompositorisch ausprobieren und die Stücke wurden aufgeführt. So habe ich mit anderen als 14-Jährige eine Oper geschrieben, die aufgeführt wurde – oder auch ein Klavierkonzert, das ich selbst mit Orchester gespielt habe. Das war das Beste – ich konnte hören, was ich selbst geschrieben hatte!
Gab es in deinem Umfeld denn viele Kinder, die komponiert haben?
In meinem Schulumfeld war ich die Einzige. In den Kompositionskursen gab es natürlich andere. Durch das Klavierspielen konnte ich schon früh Noten lesen, das hat mir die Sache erleichtert.
Du bist dabei geblieben, hast später auch bei »Jugend komponiert« gewonnen. Stand für dich schon fest, dass du Komponistin werden wolltest?
Es war weniger eine Entscheidung als eine organische Entwicklung, denn ich habe immer viel komponiert. Ich wusste noch nicht direkt, bei wem ich Komposition studieren wollte, deshalb habe ich erst mein Klavierstudium in Köln begonnen. Über ein Stipendium konnte ich meine Noten an Wolfgang Rihm senden und er antwortete mir noch in derselben Woche mit einem handgeschriebenen Brief. Er hatte meine Musik genau gelesen und kommentiert. Das war mir so sympathisch, dass ich mich dazu entschied, bei ihm zu studieren.
Inzwischen hast du über 100 Werke geschrieben. Wie würdest du deinen Kompositionsstil beschreiben?
Ich bin immer auf der Suche nach einer Art Energiebogen, meine Musik ist selten statisch. Sie sucht Lebendigkeit, Bewegung, Sinnlichkeit und Emotionalität, ohne an Klarheit zu verlieren. Mich reizt das Spiel mit Interpretationsstilen und das Nicht-Perfekte. Ich irritiere gerne mit meiner Musik, füge kaum merkbare Veränderungen ein und bringe die Zuhörenden gerne zum Stutzen. Beispielsweise neigt sich die Stimmung des Werkes »zu-neigend« für Solo-Trompete möglichst unhörbar Ton für Ton über einige Minuten um einen Halbton.
Bei diesem Hang zum Nicht-Perfekten – gibt es für dich denn eine »perfekte« Interpretation deiner Werke?
Nein, ich glaube, die gibt es nie in der Musik. Natürlich habe ich eine gewisse Vorstellung, aber wenn jemand mich mit einer anderen Interpretation überrascht, freue ich mich. Die Stücke sollten nur nicht langweilig oder ohne Ausdruck gespielt werden.
Wenn wir von der Interpretation zu dem Entstehungsprozess deiner Werke wechseln: Wie beginnt der Weg zu einem neuen Stück?
Es gibt keinen typischen Anfang: Eine Idee kann mir in der Bahn kommen, im Konzert, in einer ruhigen Minute. Häufig ist zunächst der Rahmen gegeben – durch einen Auftrag, eine Besetzung oder den Aufführungskontext. Beim Komponieren entsteht dann oft mehr Material, als am Ende im Stück bleibt – daraus können sich wiederum neue Kompositionen entwickeln.
Und wann ist ein Werk fertig für dich?
Manchmal könnte ich ewig schreiben, dann denke ich, ich könnte hier noch etwas verändern oder da. Es können viele Versionen entstehen, bevor ein Stück fertig ist, aber an einem gewissen Punkt muss man sich einfach entscheiden – so wie im Leben auch.
Deine Werke heißen »WhirliGigue«, »am Rad drehen« oder auch »Frischzellenkur«. Wie findest du die Titel für deine Werke?
Ein Titel kann für mich wie ein Schlüssel zum Hören sein. Manchmal steht er am Anfang fest, manchmal erst am Ende – oder er ändert sich, wenn das Stück eine andere Richtung nimmt. Ich mag Titel, die zum Nachdenken anregen, mehrdeutig sind und nicht zu viel verraten. Titel wie »Giromaniaco«, der sich aus »Giro« (herum, Runde) und »maniaco« (Wahnsinniger, Verrückter) zusammensetzt und ebenso an das italienische Wort »giromanica« (Armloch) erinnert.
Mit Blick auf die Seite des Publikums: Verfolgst du mit deinen Werken eine bestimmte Wirkung?
Wenn ich Musik höre, möchte ich mich an die Stücke erinnern können. Diesen Anspruch habe ich auch an meine Musik. Dafür suche ich nach Klarheit in Linien.
Du erhältst den Hindemith‑Preis des SHMF 2026. Was bedeutet dir diese Auszeichnung?
Ich freue mich riesig über den Preis! Ich schätze Hindemiths Witz und Charme in seiner Musik, wie er Verweise in andere Musikrichtungen wie z.B. Jazz oder Volksmusik macht und wie er ausgehend vom Instrument seine Kompositionen denkt. Es macht Spaß, seine Musik zu spielen und zu hören.