»Die Menschen und die Einsamkeit. Beide sind hervorragende Energiequellen!«

Im Interview spricht Anastasia Kobekina über große Nervosität, ihre Liebe zu Venedig und den besonderen Klang von Darmsaiten.  

Liebe Frau Kobekina, 2016 waren Sie das erste Mal zu Gast beim Schleswig-Holstein Musik Festival. Sie traten beim  Musikfest auf dem Lande in Hasselburg auf. Wie erinnern Sie diesen Auftritt in der Scheune? 

Ich war extrem aufgeregt und nervös, mein Debüt beim SHMF zu geben – all die inspirierenden Künstlerinnen und Künstler, und nun war ich unter ihnen und durfte ein Teil des Musikfests sein! Die Scheune und die umliegende Natur sind eine ideale Kombination für ein Konzert. Ich erinnere mich sehr gerne an dieses Konzert.

Sie spielen sowohl auf Stahl- als auch auf Darmsaiten. Warum – und was ist überhaupt der große Unterschied? 

Mit den verschiedenen Saiten möchte ich meiner Klangpalette Farben und Ausdrucksmöglichkeiten hinzufügen. Darmsaiten haben eine andere Wärme im Klang, besonders am Anfang eines Tons ermöglichen sie eine andere Artikulation. Es ist so, als ob die Konsonanten beim Sprechen plötzlich deutlicher zu hören wären. Darmsaiten sind für mich wie eine Art Zeitmaschine, die uns Menschen des 21. Jahrhunderts mit dem Klang einer fernen Epoche verbindet.

Sie lieben die moderne Musik, aber ebenso die Barockmusik. Was fasziniert Sie an letzterer? 

Die Welt der Barockmusik ist eine Inspirationsquelle für alle nachfolgenden Komponisten gewesen und ist die Wurzel unserer gesamten Geschichte der klassischen Musik. Mir gefallen die strikten Formen und Regeln der Barockmusik, die gleichzeitig so emotional, elegant und voller wilder Kontraste ist.

Sie sagten einmal, dass Sie beim Spielen von Barockmusik mit einem weißen Blatt Papier starten können, weil es keine klanglichen Vorbilder gibt. Schüchtert Sie dieses weiße Blatt auch manchmal ein? 

Bei jedem leeren Blatt gibt es einen Funken von Einschüchterung, aber gleichzeitig auch viel Neugierde und Freiheit. Es ist eine ähnliche Mischung an Gefühlen, wie, wenn man etwas Neues beginnt zu erforschen. Wenn man dann einmal begonnen hat, lässt man die anfängliche Einschüchterung schnell hinter sich und die Aufregung und Neugier gewinnen die Oberhand.

Kommen wir vom leeren Blatt zum Auftritt auf der Bühne: Wann ist ein Konzert für Sie ein voller Erfolg?

Wenn ich das Gefühl habe, dass es eine echte Verbindung zwischen mir und dem Publikum gab und beide Seiten sensibler und bewusster aus dem Konzert gehen, als sie es vorher waren.

Sie sind unsere diesjährige Leonard Bernstein Award-Preisträgerin! Was verbinden Sie mit Leonard Bernstein?

Leonard Bernstein ist eine so große Persönlichkeit, dass es unmöglich ist, ihn nur mit einer Sache in Verbindung zu bringen. Ich bin fasziniert von der Vielfalt seiner Rollen, seiner Intensität, mit der er die Rollen erfüllt hat und natürlich von seinen Bildungsprogrammen, die die klassische Musik einem neuen Publikum nahebrachten. 

Beim SHMF treten Sie gemeinsam mit dem Kammerorchester Basel auf. Was zeichnet Ihre Zusammenarbeit mit diesem Klangkörper aus? 

Es ist eine große Freude, mit den fantastischen Musikerinnen und Musikern des Kammerorchester Basel zu spielen. Wir sprechen in der Musik die gleiche Sprache und so ist es, als würde man sich mit alten Freunden treffen und sofort an das letzte Gespräch anknüpfen, als wäre dazwischen keine Zeit vergangen. 

Und worauf kann sich das Publikum bei Ihrem Programm »Venezia« freuen?

Venedig hat mich vom ersten Moment an berührt. Als ich Venedig verließ, wollte ich mir meine Erinnerungen an diese Stadt bewahren und sie immer wieder aufleben lassen. Das Programm »Venezia« umspannt 400 Jahre Musik und ist meine ganz persönliche Erinnerung an Venedig: historisch und modern, real und fantasievoll. Mit diesem Programm gebe ich dem Publikum einen Einblick in meine Erinnerungen und Gefühle von Venedig und lade es gleichzeitig dazu ein, sich ihr eigenes Venedig vorzustellen und neu zu erschaffen.

Sie scheinen ein Energiebündel zu sein – auf der Bühne wie auch im Gespräch. Was gibt Ihnen Energie?

Die Menschen und die Einsamkeit. Beide sind hervorragende Energiequellen, wenn man sie im richtigen Verhältnis und zur richtigen Zeit einsetzt.

 

Das Interview führte Ann-Kristin Zoike.