Schleswig-Holstein Festivalchor: Land und Wogen. Das Jubiläums-Album

Robert Fuchs: Die Nachtigall

Robert Fuchs (1847-1927)
Aus: Acht Lieder für gemischten Chor a cappella op. 64:
Nr. 6, Die Nachtigall
Text: Theodor Storm (1817-1888)

Die Nachtigall
Das macht, es hat die Nachtigall
Die ganze Nacht gesungen;
Da sind von ihrem süßen Schall,
Da sind in Hall und Widerhall
Die Rosen aufgesprungen.

Sie war doch sonst ein wildes Kind;
Nun geht sie tief in Sinnen,
Trägt in der Hand den Sommerhut
Und duldet still der Sonne Glut
Und weiß nicht, was beginnen.

Das macht, es hat die Nachtigall
Die ganze Nacht gesungen;
Da sind von ihrem süßen Schall,
Da sind in Hall und Widerhall
Die Rosen aufgesprungen.

Robert Fuchs und »Die Nachtigall«

Wenn man um die Mitte des 19. Jahrhunderts geboren wurde und als Komponist beruflich nach Wien geriet, hatte das Lob des Wahl-Wieners Johannes Brahms großes Gewicht. Sowohl der 1865 in Keitum auf Sylt geborene Gustav Jenner, aus dessen Zyklus »Zwölf Quartette für vierstimmigen Chor und Klavier« der SHFC sieben Chorsätze eingesungen hat, als auch der zwölf Jahre ältere Österreicher Robert Fuchs profitierten vom Wohlwollen des in Schleswig-Holstein verwurzelten Brahms: »Ich weiß nicht, ob Sie von unserem hiesigen Robert Fuchs Notiz genommen haben? Wohl das hübscheste Talent hier, außerdem ein reizender Mensch«, schrieb Brahms am 10. Mai 1881 an seinen Berliner Verleger Fritz Simrock. Brahms sah sich immer wieder Fuchs’sche Kompositionen an, gab dem jüngeren Kollegen Hinweise zur Verbesserung. Kompositionsunterricht im eigentlichen Sinne war dies aber nicht. Dafür wurde Fuchs selbst als Professor für Harmonielehre, Kontrapunkt und ab 1888 auch für Komposition zum angesehenen Lehrer etwa von Hugo Wolf, Gustav Mahler, Jean Sibelius, Franz Schmidt oder Felix Weingartner.
Für den sechsten von insgesamt acht Gesängen für vierstimmigen Chor a cappella op. 64 hat Robert Fuchs »Die Nachtigall« des Husumer Dichters Theodor Storm ausgewählt. Storms Gedichte wurden selten vertont, weil sie schon für sich genommen als sehr musikalisch galten, hat er sie doch mit einer großen Sprachmelodie »komponiert«. »Die Nachtigall« entstand 1856 und ist eine Metapher für ein heranwachsendes Mädchen. Dem ungestümen Kind zu Beginn folgt das pubertierende Mädchen (»nun geht sie tief in Sinnen ... und weiß nicht, was beginnen«). Der nächtliche Gesang der Nachtigall, seit der Minnedichtung das Liebessymbol schlechthin, lässt die Rose weiter aufblühen …
»Die Nachtigall« ist das am häufigsten vertonte Storm-Gedicht. Robert Fuchs komponierte sein sommerliches Chorlied im Jahr 1900. Wenige Jahre später scheint es Alban Berg als Inspirationsquelle für sein gleichnamiges Lied in dem Zyklus »Sieben Lieder für Singstimme und Klavier« gedient zu haben.
- Selke Harten-Strehk

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