»Wir sollten Musik nicht in Schubladen stecken!«

Im Interview erzählt die 27-jährige Trompeterin & diesjährige Leonard Bernstein Award Preisträgerin Lucienne Renaudin Vary, warum sie sich für Klassik und Jazz gleichermaßen begeistert, was sie an Maestro Bernstein beeindruckt und welches Programm sie im Festivalsommer präsentiert. 

Liebe Lucienne, du spielst seit deiner Kindheit sowohl Klassik als auch Jazz. Konntest du dich nicht entscheiden? 

In der Tat, das fiel mir schwer! Es war mir schon immer ein Bedürfnis, mich in beide Stile hineinzugeben. Zuerst habe ich klassische Trompete am Pariser Konservatorium studiert, dann, einige Jahre später, bin ich ins Jazzfach gewechselt. Heute gebe ich mehr klassische Konzerte, kann und möchte mich aber nicht vom Jazz lösen. Der Wechsel zwischen den Stilen ist für mich absolut  erfrischend – er gibt mir das Gefühl, lebendig zu sein. Und selbst bei klassischen Konzerten gibt es oft einen Moment, in dem ich ganz unklassisch improvisieren kann – zum Beispiel bei der Zugabe.

Was zeichnet denn beide Stile für dich aus? 

Erstmal glaube ich, dass eine klassische Ausbildung immens wichtig ist, egal welchen Stil man später spielt. Sie lehrt Disziplin, eine solide Technik und wie man Schritt für Schritt Fortschritte macht. Das ist sehr nützlich. Aber auch der Jazz hat Qualitäten: Ich liebe ich die Freiheit, die er mir gibt – die Freiheit zu improvisieren. Diese Freiheit gab es früher auch in der klassischen Musik: Bach improvisierte, Liszt ebenfalls. Ich finde, wir sollten Musik nicht in Schubladen stecken, denn die Grenzen sind fließend. Leonard Bernstein zum Beispiel spielte buchstäblich mit diesen Grenzen. Ich glaube, ihm ging es nur um die Schönheit der Musik – egal, wie wir sie nennen.

Wo wir schon bei Leonard Bernstein sind: Als Leonard Bernstein Award Preisträgerin bist du im kommenden Sommer beim SHMF zu Gast – unter anderem im Rahmen deines Preisträgerkonzerts. Worauf kann sich das Publikum freuen? 

Ich möchte Leonard Bernstein und die Vielfalt der Stile, mit denen er sich so leidenschaftlich als Komponist und Dirigent auseinandersetzte, würdigen – denn auch bei ihm trifft klassische Musik immer wieder auf Jazz! Ich werde mich Haydns Trompetenkonzert widmen, einem wahren Juwel an Melodie, Komposition und Orchestrierung. Und um den Jazz nicht zu kurz kommen zu lassen, habe ich den Komponisten George Gershwin und ein Medley aus »Ein Amerikaner in Paris« ausgewählt. Dieses Meisterwerk verbindet Klassik und Jazz auf ganz unterhaltsame Weise.

Wer oder was hat dich auf deinem künstlerischen Weg denn besonders geprägt? Waren es eher Momente oder Personen? 

Da denke ich zuallererst an Konzertmomente, denn auf der Bühne, bei der Arbeit, lernt man am meisten! Ich denke aber auch an die Zusammenarbeit mit Dirigenten wie Vladimir Ashkenazy oder Paavo Järvi und an musikalische Partner wie Daniel Hope oder Félicien Brut. Auch Festivals und Organisationen, die einem Vertrauen schenken, sind wichtig. Ich habe einen wunderbaren Beruf, weil ich ständig neue Menschen kennenlernen und von ihnen lernen darf. Das ist sehr bereichernd. Sehr geprägt hat mich übrigens auch der Jazz-Trompeter Chet Baker – er ist mein großes Idol und ich höre seine Musik, seit ich mit dem Trompetenspiel begonnen habe.

Du hast einmal gesagt, Trompete spielen sei wie Sport, den man täglich trainieren muss. Wie motivierst du dich zum Üben, wenn die Lust fehlt?

Es ist wichtig, jeden Tag zu spielen, um in Form zu bleiben. Aber genauso wichtig ist es, nichts zu erzwingen. Wenn ich also spüre, dass mein Körper nicht will, höre ich auf ihn. Das gehört zu einer gesunden Beziehung zwischen Künstlerin und Instrument dazu.

Wie sieht ein typischer Tag aus, wenn du nicht auf der Bühne stehst? Hast du Hobbys, die gar nichts mit Musik zu tun haben? 

Ein typischer Tag in meinem Leben ist ziemlich einfach: Ich übe Trompete, lese, koche, gehe mit meinem Hund spazieren, mache Yoga, gehe in Cafés, spreche mit meinem Team, schreibe E-Mails, organisiere Dinge...

Du bist bereits 2024 und 2025 beim Schleswig-Holstein Musik Festival aufgetreten. Was ist dir in Erinnerung geblieben? 

Zunächst einmal liebe ich das Team – alle schaffen eine Atmosphäre, die Künstler dazu bringt, wiederzukommen! Außerdem kommen hier alle zusammen: Künstler, die man kennt und die man nicht kennt. Überall findet man neue Freunde. Die Konzertorte sind sehr vielfältig, schön, originell und machen Spaß. Alle Elemente sind da, um die besten Konzerte zu genießen.

 

Das Interview führte SHMF Pressereferentin Ann-Kristin Zoike.