Ungewöhnliche Orte, großartige Künstler: die Konzertreihe »Moondog«

Das SHMF stellt in diesem Sommer die neue Konzertreihe »Moondog« vor – gefördert von der NORDAKADEMIE-Stiftung. Fünf Konzerte finden an urbanen Orten in Hamburg statt und setzen Musik unterschiedlicher Stile bei Clubatmosphäre in einen spannenden Kontext. Die Konzerte starten um 21 Uhr und dauern rund eine Stunde. Sie laden das Publikum ein, das Programm im Stehen, auf dem Boden oder auf selbst gefalteten Papphockern sitzend zu verfolgen, gern auch mit Getränk in der Hand.

Im Uebel & Gefährlich, im Dockland, im Kunstverein Harburger Bahnhof, in der Halle 424 und im Thalia Theater treten Künstler wie Víkingur Ólafsson, Katia Labèque und Stefan Lakatos sowie Formationen wie Wooden Elephant oder das Trio ClariNoir auf. Sie alle widmen sich aktuellen Strömungen der Klassik und experimentieren mit Rhythmik, anderen Genres und elektronischen Einflüssen. Auf dem Programm steht Musik von Moondog, Philip Glass, Beyoncé und Simeon ten Holt.

Who is Moondog?
Moondog lebte und wirkte als »The Viking of 6th Avenue« von den 1940er bis 1970er Jahren als Straßenmusiker im New Yorker Stadtteil Manhattan. Sein unverwechselbarer Musikstil entwickelte schnell internationale Strahlkraft. Mittels besonderer Rhythmen und ungewöhnlicher Besetzungen erschuf der Autodidakt neue Klangwelten und beeinflusste die Minimal Music. In New York begegnete er Arturo Toscanini, Igor Strawinsky, Leonard Bernstein und Charlie Parker, stand mit dem New York Philharmonic auf der Bühne und teilte sich eine Wohnung mit Philip Glass. 1974 reiste er auf Einladung des Hessischen Rundfunks nach Deutschland und besuchte neben Frankfurt auch Hamburg und Hannover. Er setzte sein kompositorisches Werk fort, war zu Gast bei den Salzburger Festspielen und auf der Documenta in Kassel. Bis zu seinem Tode blieb er in Deutschland, Moondog starb im Jahr 1999 in Münster.
Die SHMF-Reihe »Moondog« greift nicht nur die Musik dieses Ausnahmekünstlers auf, sondern auch seinen progressiven Geist: mit experimentellen Konzertformaten, die Musik auf neue Weise hör- und erlebbar machen.

Die Konzerte

Movement (3.8., 21 Uhr, Dockland)
Der niederländische Komponist Simeon ten Holt (1923-2012) erschuf eigenwillige Stücke im Sinne der musikalischen Avantgarde, bis er sich seinem Hauptwerk widmete: »Canto Ostinato« vollendete er 1979 nach dreijähriger Arbeit. Das Werk hat starke Bezüge zur Minimal Music, was sich in dem Wiederkehren einer musikalischen Figur als wichtiges Element widerspiegelt. Notiert ist das Stück in motivischen Pattern, sodass den Interpreten jede Menge Freiheit gewährt wird – sie bestimmen nicht nur die Besetzung, sondern auch Länge und Struktur der Teile. Das erfordert eine präzise Abstimmung unter den Musikern. Das Stück hat einen meditativen und zugleich hochemotionalen Charakter, schlichte Melodik wird sukzessive fortgesponnen, angetrieben von einem pulsierenden Rhythmus.
Bei dem Konzert in der SHMF-Reihe »Moondog« verteilt sich das fünfköpfige Ensemble auf verschiedene Räume im Dockland. Die Musiker tauschen immer wieder die Position, sodass die Aufführung von ständiger Bewegung geprägt ist. Untereinander stimmen sie sich per Knopf im Ohr ab, darüber hören sie das Metrum des Stücks. Das Publikum ist dazu eingeladen, ebenso umherzuwandeln wie das Ensemble oder aber eine bequeme Sitzmöglichkeit auf dem Boden zu finden und die akustischen Eindrücke auf sich wirken zu lassen. Zum Konzert...

Roommates (8.8., 21 Uhr, Uebel & Gefährlich)
Mit Víkingur Ólafsson wird es nie langweilig. Und das stellt der isländische Klaviervirtuose mit den Etüden von Philip Glass auch unter Beweis. Er kehrt die Faszination der Wiederholung hervor, fügt Farben hinzu und lässt mittels groß angelegter Spannungsbögen die mechanisch anmutende Minimal Music lebendig werden.
Philip Glass und Moondog teilten nicht nur eine Wohnung in New York, sondern waren beide maßgeblich an der Entwicklung der Minimal Music beteiligt. Beide vereint die Hingabe zu rhythmisch-repetitiven Figuren, scheinbar unendlichen Klangkonstrukten und einer besonderen musikalischen Klarheit. Diese Merkmale zeigen sich auch in Moondogs Werken »Bird‘s Lament« und »Sea Horse«, denen sich Víkingur Ólafsson in den ungeschliffenen Mauern des Uebel & Gefährlich ebenfalls widmet. Zum Konzert...

Floating (10.8., 21 Uhr, Thalia Theater)
Das Repertoire von Katia Labèque reicht von Johann Sebastian Bach bis zur zeitgenössischen Avantgarde. Die Pianistin zählt zu den großen Musikerinnen unserer Zeit und konzertiert regelmäßig mit Orchestern von Weltklasse. Seit einigen Jahren beschäftigt sie sich mit Minimal Music. Für ihr Projekt »Moondog« arrangierte sie gemeinsam mit dem Trio Triple Sun einige Stücke des amerikanischen Künstlers für Klavier, E-Gitarre, E-Bass, Percussions und Synthesizer. Die Musik Moondogs erfährt eine Weiterentwicklung und stellt ihre eigene Zeitlosigkeit unter Beweis.
Auf der Bühne ist außerdem der Tänzer Yaman Okur zu erleben, der schon die Premiere des Projekts beim Festival de Fourvieres in Lyon 2016 choreografisch begleitete. Mit fließenden und ausdruckstarken Bewegungen schafft er eine visuelle Annäherung an die Musik Moondogs und untermalt zugleich deren Aufforderung nach ständiger Bewegung und Entwicklung. Das Thalia Theater bietet ein kreatives Umfeld und zugleich eine große Bühne, die der Starpianistin Katia Labèque, dem Trio Triple Sun und dem Tänzer Yaman Okur ausreichend Raum für ihr Programm gibt. Zum Konzert...

A Taste of Lemonade (16.8., 21 Uhr, Halle 424)
Das Streichquintett Wooden Elephant verbindet Klassik mit aktueller Pop-Musik – und das nicht nur mit ihren Instrumenten, sondern auch mit Alltagsgegenständen wie Milchaufschäumern, Badewannenstöpselketten, Partytröten und Aluminiumfolie. Die fünf Musikerinnen und Musiker arrangieren bewusst ganze Alben bekannter Popkünstler neu, nicht bloß einzelne Songs. »Zu viele von uns haben die Kunst, ganze Alben zu hören, aufgegeben«, sagen Wooden Elephant. »Wir präsentieren elektronische Musik von elefantenhaften Proportionen auf nichts anderem als unseren kleinen Holzinstrumenten.«
Björks »Homogenic« sowie »Kid A« von Radiohead haben sie sich bereits gewidmet. In diesem Jahr steht das Album »Lemonade« der amerikanischen R&B- und Pop-Sängerin Beyoncé auf dem Programm. Rein akustisch macht das Ensemble um Bratschist und Arrangeur Ian Anderson das Konzeptalbum neu erlebbar und versprüht dabei inmitten der kreativ-rauen Kulisse der Halle 424 jede Menge Spaß am Experimentieren. Zum Konzert...

The Viking (30.8., 21 Uhr, Kunstverein Harburger Bahnhof)
Den Abschluss der Konzertreihe bildet der schwedische Musiker und langjährige Freund Moondogs Stefan Lakatos. Die beiden Künstler lernten sich 1980 kennen und pflegten eine intensive Zusammenarbeit. Moondog lehrte Lakatos in Bau und Spiel der Trimba, einer dreieckigen Trommel, die er selbst entwickelt hatte. Seit fast 40 Jahren setzt sich Lakatos für die Pflege und Verbreitung der Werke Moondogs ein und will auch neue Generationen für die Musik des »Viking« begeistern. Zusammen mit dem jungen Klarinettentrio ClariNoir, ergänzt durch Oboe und Fagott, fügt er den repetitiven Rhythmen aus Moondogs Kompositionen neue Klangfarben hinzu. Im Saal des Kunstvereins Harburger Bahnhof nimmt Lakatos das Publikum mit auf eine Zeitreise und holt Moondogs Musik ins Jetzt. Zum Konzert...